Pressespiegel
Münchner Merkur, 22.10.2008
Im Blickpunkt:
5 Fragen an Hannelore Kiethe
„Drastischer Anstieg“
Die Armutsquote in Deutschland ist nach einer OECD-Studie in den vergangenen Jahren besonders stark gestiegen. Die Auswirkungen spürt Hannelore Kiethe, Mitbegründerin und langjährige Vorsitzende der Münchner Tafel, Tag für Tag. Wir haben nachgefragt.
Wie macht sich die Zunahme der Armut bei der Münchner Tafel bierkbar?
„Wir haben einen drastischen Anstieg an Anfragen zu bewältigen. Mittlerweile unterstützen wir weit über 16.000 Bedürftige im Stadtgebiet, und es werden immer mehr. Woche für Woche geben wir rund 100 Tonnen Gratis-Lebensmittel aus. Als bedürftig gilt, wer zum Leben ausschließlich auf die Grundsicherung des Staates angewiesen ist.“
Können Sie die Zunahme an Bedürftigen mit Zahlen belegen?
„Im Jahr 1999 haben wir ungefähr 4.000 Menschen pro Woche versorgt, insgesamt wurden damals 25 bis 30 Tonnen an kostenlosen Lebensmitteln ausgegeben. 2004 waren es schon 11.000 Menschen und 60 bis 70 Tonnen. Der sprunghafteste Anstieg war bei der Umstellung von Arbeitslosengeld II auf Hartz IV zu verzeichnen.“
Heißt das, die Münchner Tafel stößt irgendwann an ihre Kapazitätsgrenze?
„So ist es in der Tat. Wir wachsen täglich – aber eben nicht so schnell, wie die Zahl an Bedürftigen zunimmt. Manchmal müssen wir sogar Hilfesuchende abweisen. Eines möchte ich jedoch ausdrücklich klarstellen: Härtefällen wird immer geholfen. Derzeit wird die Arbeit der Münchner Tafel von 360 ehrenamtlichen Helfern und weit über 100 Sponsoren unterstützt.“
Welche Bevölkerungsgruppen sind besonders auf Ihre Einrichtung angewiesen?
„Zuerst fallen mir da alleinerziehende Mütter ein. Die Bedürftigkeit in dieser Gruppe wächst unglaublich stark. Oft sind das Frauen, die von ihri Partner im Stich gelassen wurden und nun Hilfe benötigen. Daneben kommen zu uns sehr viele ältere Menschen, die mit ihrer Rente nicht auskommen, und Familien, bei denen die Eltern zu wenig verdienen.“
Glauben Sie, dass die Zahl der Bedürftigen in den kommenden Jahren weiter ansteigen wird?
„Ja, davon gehe ich fest aus. Ich glaube, dass die Zeiten wieder härter werden. Das merken wir ja jetzt schon täglich.“
Interview: Jochen Lehbrink