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Pressespiegel Mai 2007Süddeutsche Zeitung Von Christa Eder Armut in der Stadt Frühstücken wie ein König? Dass es im reichen München Kinder gibt, die hungrig zur Schule kommen, ist kaum zu glauben. Doch es sind nicht wenige: Rund 16000 Kinder sind in München von Armut betroffen. Bei vielen reicht es nicht mal für ein Frühstück. Dass es im reichen München Kinder gibt, die hungrig zur Schule kommen, ist kaum zu glauben. Und es sind nicht wenige. 16 000 Kinder sind laut Armutsbericht von großer Not betroffen. Wie viele davon an Hunger leiden, ist allerdings nicht erfasst. Auch dem Sozialreferat war das Problem bis dato nicht bekannt. "Unser Rektor hat bei einer spontanen Umfrage herausgefunden, dass mehr als die Hälfte der Schüler ohne Frühstück und Pausenbrot in die Schule kommen", sagt Martina von Dewitz, Schulsozialarbeiterin vom Verein Kinderschutz und Mutterschutz an der Hauptschule Wörthstraße. Zur Monatsmitte fehlt das Geld Es komme regelmäßig vor, dass die Schüler vom Stuhl kippen, weil sie Unterzucker hätten, sagt von Dewitz. "Wenn man dann nachfragt, sagen sie, sie hätten nicht gefrühstückt." Seit kurzem bietet die Schule jetzt ab sieben Uhr morgens ein kostenloses Frühstück an. Die Zutaten kommen zum Teil von der Münchner Tafel, eine Stiftung hat 1500 Euro gespendet. Mit dem Geld wird eine Kraft bezahlt, die morgens eine Stunde das Frühstück austeilt und die Kinder beaufsichtigt. Das Frühstück reicht für etwa 25 Kinder, und dafür stehen sie extra eine Stunde früher auf. Dabei geht es nicht nur ums Sattwerden. Bei dem Gros der Familien finden gemeinsame Mahlzeiten gar nicht statt. "Wir bieten den Kindern auch eine Struktur, die sie daheim nicht haben. Bei uns finden sie Ruhe, und sie genießen es, gemeinsam und in netter Stimmung ihr Frühstück einzunehmen", so die Sozialpädagogin. Niemand soll hungern: "Wir haben schon vor fünf Jahren die Küche eingerichtet und gemerkt, dass viele gerne möchten, aber nicht können", sagt Martina von Dewitz. Manche übernehmen dann kleine Dienste im Schulcafé und bekommen dafür ein kostenloses Mittagessen. "Die Nachfrage ist groß. Das ist alles in null Komma nichts weg." Für die Münchner Tafel ist es ein Novum, dass Schulen um Lebensmittelspenden bitten. Die Hauptschule an der Wörthstraße ist nicht die einzige. "Wir haben seit kurzem vier Schulen, die wir beliefern", sagt Hannelore Kiethe von der Münchner Tafel. "Das ist für mich ein Zeichen, dass die Not groß ist." Geliefert wird, was da ist: Milchprodukte und Obst, manchmal auch Wurst, Käse, Brot. Was eben gespendet wird von den Händlern. "Alle reden vom Boom, doch an diesen Kindern und Familien geht das vollkommen vorbei", so Kiethe. Es sind bei weitem nicht nur Hauptschüler betroffen. Hungrige Kinder kennt man auch an den Kindertagesstätten und Grundschulen. "Das Phänomen ist uns aus den Kindergärten bekannt und wird bearbeitet", sagt Eva-Maria Volland, Sprecherin des Schulreferats. "Statistiken können wir nicht bieten, aber es gibt eine steigende Zahl von Kindern aus vernachlässigten Schichten, und die Erzieherinnen haben den Auftrag, genau hinzuschauen und zu handeln." In der Regel helfen sich auch die Kindergärten selbst, meist indem sie private Spenden von Firmen beschaffen. Auch an der Grundschule am Gotzinger Platz kommen Kinder oft ohne Frühstück in den Unterricht. "Eltern bieten den Kindern einfach nichts an", sagt Rektorin Heide Gritsch. Manche Eltern stünden morgens erst gar nicht auf, seien schon in der Arbeit oder einfach zu bequem, vermutet Gritsch. "Kinder, die Geld mitbekommen, decken sich beim Bäcker mit Süßigkeiten ein, weil sie gesundes Essen gar nicht kennen." Daher bieten Lehrer in regelmäßigen Abständen ein gemeinsames Frühstück an, auch um den Kindern zu zeigen, wie ein gesundes Frühstück aussehen kann und wie man sich bei Tisch verhält. In der Öffentlichkeit taucht das Thema der unterversorgten Kinder selten auf. Wenn es um Schulverpflegung geht, werden meistens gutgemeinte Appelle für gesunde Ernährung oder Aktionen gegen Übergewicht zitiert. Für Martina von Dewitz wirken solche Aufrufe fast schon weltfremd. "Das ist gut gedacht, aber weit weg von unserer Realität", sagt sie. Unter- und Fehlernährung bei Kindern wirkt sich auf die schulischen Leistungen aus. Immer mehr Schulen übernehmen daher auch die Verpflegung, die es zu Hause nicht gibt. "Wir sind Familienersatz und Schonraum", sagt von Dewitz. "Viele sind lieber hier als zu Hause." Weil es den meisten vor den Ferien graut, hat die Schule jetzt sogar ein Ferienprogramm mit Ausflügen angeboten. Süddeutsche Zeitung Serie: „Not in der Großstadt“ Es gibt keine Slums in München, keine verwahrlosten Straßenzüge und wenig sichtbares Elend. Dennoch ist auch in einer der reichsten und schönsten Städte des Landes Armut zu finden, und keineswegs nur in weit abgelegenen Sozialwohnungsblocks im Norden und Osten der Stadt. Auch in München sind mehr Menschen denn je von Armut bedroht, gibt es jene Schicht, die man neuerdings verschämt „Prekariat“ nennt, öffnet sich eine Schere zwischen einer wohlhabenden Mehrheit und einer sozial schwachen Minderheit immer weiter. Eine lesenswerte Serie in der Süddeutschen Zeitung geht diesen Ursachen auf den Grund und findet sich hier: Neon Armutszeugnis Elf Millionen Menschen in Deutschland sind arm. Die allermeisten haben zwar Essen und ein Dach über dem Kopf. Aber andere grundlegende Dinge fehlen in ihrem Leben. Fünf von ihnen zeigen, was oft übersehen wird. (...) Maria G., 44, alleinerziehende Mutter, nimmt Servietten bei McDonald’s mit. „Die sind ein guter Ersatz für Klopapier, das ist nämlich teuer. Solche Sachen, auch Windeln und Milch, kauf ich am Monatsanfang. Wenn dann am Ende noch viel Monat, aber kein Geld übrig ist, dann sammle ich eben Pfandflaschen bei uns im Viertel ein. Ein bisschen peinlich ist mir das schon vor den anderen Müttern, aber von dem Pfand springt dann oft noch etwas Süßes für meinen zweijährigen Sohn heraus. Seit einem Jahr gehe ich zur Münchner Tafel, wo ich einmal die Woche Lebensmittel erhalte – eine enorme Erleichterung. Seit Jonas auf der Welt ist, kann ich nicht mehr als Krankenschwester arbeiten. Sein Vater ist weg und zahlt keinen Unterhalt. Ich habe 1200 Euro im Monat zur Verfügung, aber da ich einigen Leuten noch Geld schulde, wird es immer eng. Einmal habe ich sogar in einem Geschäft Windeln gestohlen, aber das würde ich heute nicht mehr machen. In Deutschland gibt es so viele Anlaufstellen, die einem helfen. Die meisten unserer Möbel und Klamotten haben wir von anderen geschenkt bekommen.“ | |||||||||||||||
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