Pressespiegel Juni 2007

Süddeutsche Zeitung

Von Anke Helle

Hauptschule

„Manchmal ist es frustrierend“

Antriebslose Schüler, gleichgültige Eltern, übervolle Terminkalender ... Trotzdem lieben Martina und Christian ihren Job als Sozialarbeiter an einer Münchner Brennpunktschule.

 

Martina sitzt an einem großen runden Holztisch und starrt angestrengt in ihren aufgeklappten Taschenkalender: 10 Uhr Elterngespräch, 11 Uhr 30 Gespräch mit Lehrer Bär, 13 Uhr Lieferung Münchner Tafel … Langsam schiebt sich die Sozialarbeiterin die blonden Haare hinter die Ohren und seufzt „Ich bin heute übervoll.“

Bum, bum. Die ersten geräuschvollen Klopfer wummern gegen die rote Tür. Martina öffnet. Mit einem Mal füllt sich der Raum mit Geräuschen. Geschrei aus den Schulgängen vermischt sich mit HipHop-Beats aus dem angrenzenden Klassenzimmer. Irgendwo klingelt ein Handy. Vor der Tür stehen fünf Jugendliche in zu großen Baggy Jeans, Kapuzenpullis und Baseballkappen: „Martina guck mal!“, „Martina is’ voll krass!“ und „Martina ich hab ne Eins!“ plappern sie überdreht durcheinander.

Martina kennt die pubertierenden Jungs, die ihr da im Halbkreis gegenüber stehen. Sie kennt ihre Gesichter, ihre Namen und vor allem ihre Geschichten.

Weil sonst keiner da ist

Martina und Christian sind Sozialarbeiter an der Hauptschule Wörthstrasse in München. Sie sind angestellt, um die 246 Jungen und Mädchen an der Schule intensiv zu betreuen und um dafür zu sorgen, dass diese ihren Hauptschulabschluss schaffen. Die Wörthschule ist das, was man eine soziale Brennpunkt-Schule nennt. Neun von zehn Schülern stammen hier aus Einwandererfamilien: Kinder aus vier Kontinenten und 37 Ländern versammeln sich in einem Schulhaus. 37 Länder, 37 Sprachen, 37 Kulturen und 246 Schicksale.

Martina und Christian sind für sie alle da. Vor allem dann, wenn es die eigene Familie nicht ist. Essen, Spielen, Lernen, und vor allem Zuhören – für viele Jugendliche ist das rosa Gebäude in der Wörthstraße 2 ein Ersatz-Zuhause geworden.

Rundumversorgung

„Christian, wir müssen die Lieferung der Münchner Tafel ausladen“, ruft Martina ihrem Kollegen zu. Christians Gabel bleibt in seinem kaum angetasteten Pommes stecken.

Die Münchner Tafel ist ein karitativer Verein, der überschüssige Lebensmittel, etwa aus Supermärkten, an Bedürftige verteilt. Auch die Wörthschule gilt als bedürftig. Einmal in der Woche liefert ein Kleinbus kostenlos Jogurt, Brot, Gemüse und mehr. Spenden, die es der Schule ermöglichen, den Kindern ein Frühstück und ein Mittagessen anzubieten...

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