Pressespiegel November 2005

Abendzeitung

von Irene Kleber

In der Schlange der Armut

Ramersdorf, nachmittags um zwei: 163 Menschen stehen bei der Münchner Tafel an

Kein Föhnwetter heute, das ist gut. „Bei Föhn sind sie alle unausstehlich.“ ulkt Marion Wolfram, pustet ihr graues Pony aus der Stirn, und lacht hinter ihrem Gemüse-Stand herzlich in die Menge, „da schlägt das Wetter mal allen aufs Gemüt.“ Heute hängen weiße Wölkchen am Himmel über Ramersdorf, der Rudi, die Anna, die alte Frau Mörs*, der zittrige Ebert Pauli* und all die anderen mit ihren leeren Tüten, Körbchen, Reisetaschen und Rollwägelchen – sie reihen sich artig auf in der Schlange vor der Piuskirche, jeder sein grünes Berechtigungs-Schildchen am Kragen. Geduldig. Heiter. Munter plaudernd und von Grant keine Spur.
Es ist Montag, kurz nach 14 Uhr, und immer montags um 14 Uhr ist Lebensmittel-Geschenk-Tag für die Ramersdorfer Bürger in Not. Da sammeln sie daheim alle Tüten und Lebensmittelbehälter zusammen, marschieren, humpeln, schleppen sich hinüber zur Kirche an der Anzinger- Ecke Aschheimer Straße. Dort am Parkplatz, sichtgeschützt durch eine hohe Hecke, liefern die Helfer des Vereins „Münchner Tafel“ um Organisatorin Gabriela Schultz mit drei Lieferwagen Lebensmittel an – kostenlos für Ramersdorfs Bedürftige.
40 Steigen Obst sind es heute, 42 Kisten Salat vom Rucola bis zur Gurke, 30 Säcke Kartoffeln, palettenweise Gemüse wie Broccoli, Zucchini und Tomaten, große Mengen an Fleisch, Käse, Babynahrung. Dazu 1800 Kilo Milchprodukte und ein ganzer Transporter voll Brot. Beinahe alles ist Ware von Supermärkten und Bäckereien in Aubing, Giesing und Ramersdorf, die am Wochenende übrig geblieben ist, und ansonsten auf einem Komposthaufen entsorgt würde. Am Morgen haben die „Münchner-Tafel“-Fahrer die Ware an den Märkten eingesammelt – jetzt wartet sie vor der Kirche wie auf einem großen Gratis-Freiluft-Supermarkt.
150 bis 200 Menschen sind es allein jede Woche hier im Viertel, die Schlange stehen, um kostenlos Lebensmittel für die ganze Familie und für eine ganze Woche zu bekommen. Viele junge Mütter, die allein erziehen. Alte ohne Rente. Kranke Frauen und Männer ohne Job, Menschen, die Hartz IV beziehen, in eine Arbeit „nicht vermittelbar“ sind, oder die vor lauter Schulden ihren Kühlschrank nicht mehr füllen können. Tanja (34), eine zierliche dunkelhaarige Frau, die mit Mühe ihre große Einkaufstasche auf Rollen hinter sich her zieht, kommt seit zwei Jahren. Sie hat zwei Kinder durchzubringen, allein. Ihre kleinste Tochter ist acht Monate alt, und Tanja Müller* hat Multiple Sklerose. „Arbeiten geht leider nicht mehr, und das Hartz-IV- Geld reicht nie bis zum Monatsende“, erzählt sie, und füllt ihre Tasche mit Bedacht. Rouladen soll es geben morgen, mit Gemüse und Obst -Vitaminen als Nachspeise. Nein, und die Soja-Packung, die Feigen und die Extra-Äpfel, die sie haben könnte laut ihrem Berechtigungs-Schildchen für drei Personen, braucht sie nicht, und lehnt dankend ab. „Ich habe noch“, sagt sie nun schüchtern, und starrt mit den Augen ein Loch in den Boden, „so viel brauchen wir nicht“. Auch Ilona Vogel* (37), Hausmeisterin in einem 200-Einheiten-Wohnblock im Viertel hat zwei Kinder allein großzuziehen, und ihr Teilzeitgehalt reicht nicht für einen vollen Kühlschrank für 30 Tage im Monat. Wie fühlt sich das an? Hier in der Schlange stehen um Essen? „Tja“, sagt die junge Frau, „das fragt man sich nicht mehr, wenn man am 20. des Monats nicht mehr weiß, wie man seinem Kind noch ein Pausenbrot schmieren soll. Da ist man einfach nur froh um diese Chance, und sagt danke.“
Der Wilmer Klaus* (54), der kurz danach dran ist, hat jedenfalls heute keinne Geist für Freundlichkeiten. „Mehr Tomaten!“, knurrt er, und hält der Helferin Marion Wolfram offensiv seine Aldi-Plastiktüte hin. „Gibt’s heute nicht“, grantelt sie zurück und runzelt die Stirn. „Wie wär’s denn heute mal mit Grüß Gott und Danke und Bitte – dann stellen wir uns viel lieber für Sie hin.“
Nein, die allermeisten Leute hier seien fein und freundlich erzählt die Hausfrau und Innenarchitektin, die jeden Montag vor der Piuskirche Lebensmittel austeilt, seit Jahren schon. Ihre Chefin, die Fahrer, die „Verkäuferinnen“, sie kennen jeden, der kommt, mit Namen. Sie kennen ihre Nummern in der Reihe, sie kennen die Lebensumstände. Traurigkeiten, Ärger, die Spaß- und Klatschgeschichten. Die von Paul* etwa, der über 60 ist, gerade die blonde Vicky verlassen hat, jetzt die dunkle Anna liebt, und nicht lesen kann. Weshalb er neulich, als er, nett wie immer, einer gehbehinderten Dame per Radl ihre Lebensmittel nachhause bringen wollte, unverrichteter Dinge wieder kam – der Adresszettel war halt nicht hilfreich. Oder Mehtis*. Der 14jährige Bub schleppt wöchentlich für seine siebenköpfige Familie Tüten nachhause – und jedes Mal meckert die Mama, weil der Obst-Verächter zu wenig Äpfel und Birnen bringt...14 000 Münchner sind es inzwischen, die die Helfer der „Münchner Tafel“ jede Woche an 21 Plätzen der Stadt mit Essen beliefern – 3000 mehr als noch vor drei Jahren. und die Warteliste derer, die in Not geraten sind, und auch teilhaben möchten an dem Gratis-Essen, wird immer länger. Gabriela Schultz, die bei der Münchner Tafel im Vorstand sitzt: „Wir brauchen dringend mehr Sponsoren, um die alle satt zu kriegen.“

*Namen geändert
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