Pressespiegel April 2005
Heim & Welt
Die steigende Armut beunruhigt die Helfer der "Münchner Tafel"
Wohnungslosigkeit, Arbeitslosigkeit, persönliche Schicksalsschläge – die Gründe für Armut von Menschen sind schon seit Jahren die gleichen. Neu ist hingegen, dass immer mehr Menschen von ihnen betroffen sind. „Wir bekommen täglich Anrufe von Frauen und Männern, denen wir helfen sollen, aber wir können nicht mehr tun als jetzt“, sagt die Vorsitzende der Hilfsorganisation „Münchner Tafel“, Hannelore Kiethe. 1994 hatte sie mit neun Mitstreitern den Verein ins Leben gerufen. „Jemand hatte einen Bericht über die Gründung der Berliner Tafel gesehen, und wir übernahmen die Idee für München“, erzählt sie.
Damals wurden sie von acht Sponsoren unterstützt, und die Helfer verteilten eine halbe Tonne Lebensmittel an 500 Bedürftige. Heute helfen rund 100 Ehrenamtliche, die von 80 Firmen gesponserte 60 bis 70 Tonnen Lebensmittel an elftausend von Armut betroffene Münchner verteilen. „Die Härtefälle nehmen in einer Art zu, dass sie uns unter die Haut gehen“, sagt Hannelore Kiethe und erzählt von Rentnern, denen zum Leben gerade Mal 30 Euro im Monat bleiben. Oder von allein erziehenden Müttern, die noch nicht einmal Geld haben, um Babynahrung, geschweige denn frisches Obst und Gemüse kaufen zu können. (...)
Mittlerweile hat sich die Zahl der Busstationen, an denen die Bedürftigen in München ganz München die dringend benötigte Hilfe bekommen, auf 20 erhöht. Um die Lebensmittel – unter anderem Gemüse, Obst, Nudeln, Eier, Joghurt, Brot und Käse – gerecht verteilen zu können, haben sich die Verantwortlichen ein strenges System ausgedacht. Wer etwas haben möchte, muss im Büro des Vereins seine finanziellen Einkünfte offen legen und erhält bei entsprechend geringem Einkommen einen Berechtigungsschein. „Wir wollen nicht zu rigide sein, aber wir machen das auch aus Selbstschutz“, sagt die Vorsitzende.
Schlechte Erfahrungen haben nämlich auch die ehrenamtlichen Helfer der „Tafel“ machen müssen. „Ein Ehepaar hat sich beispielsweise in der Mittagspause getrennt von einander angestellt und die doppelte Ration abgesahnt, obwohl ihnen gar nichts zugestanden hätte, erzählt Hannelore Kiethe. Und das ärgert nicht nur die Mitarbeiter, sondern vor allem die von Armut Betroffenen. „Gerechtigkeit ist für sie sehr wichtig, sie achten auch untereinander extrem darauf“, erzählt die Vorsitzende. Und auch die Mitarbeiter vor Ort kennen ihre Leute, immerhin kommen meist immer die gleichen, und da hält man schon Mal ein Schwätzchen.
„Ja, wir verteilen nicht nur Lebensmittel, sondern sind auch Seelentröster und Zuhörer“, sagt Hannelore Kiethe. Und manchmal auch Arbeitgeber. „Wir ziehen die Menschen in die Verantwortung und übertragen ihnen Aufgaben. Damit haben sie wieder das Gefühl, gebraucht zu werden und das bewirkt Wunder.“