Pressespiegel Juni 2004

tz München

10 Jahre Hilfsverein Münchner Tafel
Die Not wird immer größer!

von Claudia Detsch. tz München

Sie leben in unserer schönen, reichen Millionenstadt. Fast unbemerkt, einsam, ohne Perspektive. Immer mehr Münchner sind durch Wirtschaftsflaute, Arbeitslosigkeit oder Schicksalsschläge abgerutscht. Ganz nach unten. 150 000 Frauen, Männer und Kinder gelten bereits als arm. Viele von ihnen haben nicht einmal mehr Geld genug fürs Essen! Jetzt schlägt der Hilfsverein Münchner Tafel Alarm: „Auf uns kommen immer mehr Bedürftige zu. Wir können den Ansturm kaum mehr bewältigen.“

Die Münchner Tafel versorgt seit exakt zehn Jahren Menschen in Not mit Lebensmitteln. Mit Obst, Gemüse, Brot, Käse, Margarine, Eiern und Nudeln, die Händler der Großmarkthalle oder renommierte Firmen spenden. Gestern zog der Verein um Schirmherr Prof. Claus Hipp Bilanz. Die Bilanz einer Erfolgsgeschichte – und zugleich die Bilanz erschreckender Armut: Während man anfangs nur soziale Einrichtungen mit geschenktem Essen belieferte, wurden inzwischen auch 18 Verteilstellen im ganzen Stadtgebiet eingerichtet. Busstationen, an denen Woche für Woche mehr als 11 000 (!) Bedürftige mit insgesamt 70 Tonnen Nahrung versorgt werden.

Hannelore Kiethe ist eine der mutigen Frauen, die die Tafel einst gründeten und „überall um Spenden betteln“. Sie berichtet von unzähligen Telefonanrufen im Büro, von zutiefst verzweifelten Menschen. Von immer längeren Warteschlangen an den Verteilstellen. „Zig Münchner stehen auch bereits auf Wartelisten.“

Die ehrenamtliche Helferin sagt, dass die Zahl der Bedürftigen seit einem Jahr dramatisch ansteigt. Es sind Männer, Frauen Geringverdiener, Münchner ohne Ausbildung, auch Akademiker – und zunehmend allein erziehende Mütter und Rentner. Sie weiß von Senioren, „bei denen die Miete fast alles auffrisst“. Von Witwen, „die mit 20 bis 30 Euro und weniger pro Woche leben müssen“. Auch immer mehr Mütter rutschen in die Armut. Ohne Arbeit, ohne Unterhalt, ohne Chance.

Große Sorgen bereitet den Helfern die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe im nächsten Jahr. Dann erwarten die Organisatoren der Münchner Tafel „eine neue Welle von Bedürftigen“. Hannelore Kiethe hält kurz inne und verspricht: „Wir werden aber unser Möglichstes tun ...“

Süddeutsche Zeitung

„Münchner Tafel“ ist überfüllt
Die soziale Einrichtung stößt an die Grenze des Machbaren

von Sven Loerzer. Süddeutsche Zeitung

Schon heute warten bis zu 200 Menschen, wenn die Lieferwagen der „Münchner Tafel“ einmal pro Woche an einer der 18 Stationen im Stadtgebiet halten. Ehrenamtliche Helfer packen den Bedürftigen die von Sponsoren gespendeten Lebensmittel in die Tasche: frisches Gemüse, Obst, Molkereiprodukte, Brot und Babynahrung. „Der Run wird immer größer“, sagt Hannelore Kiethe, die zusammen mit anderen vor zehn Jahren die „Münchner Tafel“ gegründet hat. Im ersten Jahr wurden 500 Bedürftige pro Woche versorgt, heute sind es 11.000, an die wöchentlich 60 bis 70 Tonnen Lebensmittel verteilt werden. „Seit der Einführung des Euros bemerkten wir einen sprunghaften Anstieg der Nachfrage“, erklärt Vera Mauser, ebenfalls von Anfang an dabei. „Viele Menschen spüren die derzeitige Krise und können sich noch weniger leisten als bisher. Meist wird dann bei frischen Lebensmitteln besonders gespart. „Die Münchner Tafel kann mit der steigenden Nachfrage kaum Schritt halten. Mit der Einführung des Arbeitslosengeldes II, wodurch von Januar 2005 an viele Menschen weniger Geld als bisher zur Verfügung haben werden, werde die Situation noch schlimmer, befürchtet Hannelore Kiethe.

Die aus Amerika stammende Tafel-Idee haben Vera Mauser, Hannelore Kiethe und Ursula von Hammerstein 1994 aufgegriffen. Auf Vermittlung des damaligen Sozialamtsleiters und heutigen Sozialreferenten Friedrich Graffe kamen sie zur Großmarkthalle, deren Chef Herbert Erharter die Idee ebenso unterstützte wie die Händler: Der mildtätige Verein sammelt Überbestände an Waren, denen die Vernichtung wegen Ablauf der Haltbarkeit droht, und gespendete Lebensmittel ein, um Bedürftigen zu helfen. Am Anfang wurden vor allem Obdachlosen- und Flüchtlingsunterkünfte, Klöster, Frauenhäuser beliefert. Heute sind es mehr als 80 soziale Einrichtungen, deren Bedarf außerdem wegen sinkender öffentlicher Zuschüsse steige. Nach und nach begann der Verein, an festgelegten Plätzen in den ärmeren Vierteln Lebensmittel an Bedürftige zu verteilen – am Anfang ohne Kontrolle. Inzwischen müssen sich Bedürftige einen Berechtigungsschein ausstellen lassen. Dazu reicht ein Einkommensnachweis oder die Vorlage des Sozialhilfe- oder Rentenbescheids. Bei allen Stationen stünden inzwischen Bedürftige auf der Warteliste, weil der logistischen Kapazität Grenzen gesetzt sind, erklärte Hannelore Kiethe. Steigende Dieselkosten belasten das Spendenbudget, von dem immer wieder Grundnahrungsmittel dazu gekauft werden, wenn die Sachspenden der Firmen an manchen Tagen nicht ausreichen, um die Nachfrage zu decken.

Acht im Rahmen des Zweiten Arbeitsmarktes festangestellte und deshalb vom Sozialamt bezahlte Mitarbeiter, allesamt ehemalige Sozialhilfeempfänger, sammeln vormittags die von 80 Firmensponsoren angebotene Ware mit sieben Lieferfahrzeugen ein. Um alles andere, so auch die Verteilung, kümmern sich rund 100 ehrenamtliche Mitarbeiter. „Es sind gigantische Summen, die dem Etat der Stadt dadurch erspart werden“, sagte der Schirmherr der „Tafel“, der Unternehmer Claus Hipp. Er betonte wegen des ehrenamtlichen Einsatzes: „Jeder Euro, der gespendet wird, wirkt wie ein Katalysator.“ Besonders großzügig spendeten Ausländer, betonte Hipp – möglicherweise, weil viele von ihnen selbst Not erlebt hätten.

Münchner Merkur
„Die Tafel lindert Not“
von Chistiane Pütter .


„Die Tafel lindert Not“
„Die Tafel ist ein Projekt, in dem Münchner Bürger, Organisationen und Unternehmen zusammen helfen, die unmittelbaren Auswirkungen von Einkommensarmut zu lindern“, sagt Sozialreferent Friedrich Graffe über den Verein Münchner Tafel. Der hat es sich zur Aufgabe gemacht, Lebensmittel zu sammeln und kostenlos an Bedürftige zu verteilen (siehe Bericht). Die Mitarbeiter des Sozialamtes nennen Bedürftigen die Münchner Tafel häufig als Tipp. 156 000 Menschen gelten nach offiziellen Zahlen in der Isar-Metropole als arm.

„Unternehmer sind gefragt“
Der Verein Münchner Tafel, der seit 1994 Bedürftige kostenlos mit Lebensmitteln versorgt, hatte mit acht Sponsoren angefangen – mittlerweile sind es 80. Darunter finden sich Müller Brot, Alois Dallmayr und die Molkerei Weihenstephan ebenso wie Spaten und die Paulaner-Brauerei. Ein Mann der ersten Stunde ist Babynahrungsfabrikant Claus Hipp. Er sagt: „Der Staat zieht sich – wenn auch sicher unfreiwillig – immer mehr aus der sozialen Verantwortung zurück. Da ist die Gemeinschaft gefragt und damit auch die privaten Unternehmer.“

Wartelisten für Essens-Spenden
Verein „Münchner Tafel“ versorgt 11 000 Bedürftige – Tendenz steigend

Der Verein Münchner Tafel, der seit zehn Jahren sozial schwache Bürger kostenlos mit Lebensmitteln versorgt, muss immer öfter Bedürftige auf Wartelisten setzen. Die Lage wird sich künftig noch verschärfen, wenn das so genannte Arbeitslosengeld II, die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe, eingeführt wird. Dies erklärte Vorstandsmitglied Hannelore Kiethe am gestrigen Mittwoch.

Die Münchner Tafel entstand 1994 nach dem Vorbild amerikanischer Wohltätigkeits-Organisationen. Ehrenamtliche Mitarbeiter sammeln in der Großmarkthalle oder in Geschäften Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden, aber problemlos gegessen werden können. Mit sieben Kleinlastern fahren sie zu Frauenhäusern, Kinderhorten oder Notunterkünften, um die Nahrungsmittel an Bedürftige zu verteilen.

Außerdem stehen an 18 Busstationen einmal pro Woche Mitarbeiter, die Brot und Gemüse an Privatpersonen mit schmalem Geldbeutel abgeben. „Dazu gehören Rentner, alleinerziehende Mütter oder Suchtkranke“, sagt Hannelore Kiethe.

Hundert Freiwillige engagieren sich unbezahlt für die Tafel. Hatte der Verein 1994 noch rund eine halbe Tonne Lebensmittel pro Woche abgegeben, verteilen die Ehrenamtlichen heute etwa 70 Tonnen. 500 Menschen wurden 1994 versorgt, mittlerweile stehen 11 000 Berechtigte in der Kartei der Münchner Tafel. Und die Tendenz ist steigend. Dazu Hannelore Kiethe: „Aktuell gelten 156 000 Münchner als arm – rund fünf Prozent mehr, als im vorherigen Armutsbericht.“ Auch das Sozialreferat weist Bedürftige auf die Tafel hin (siehe oben).

Die Bilanz zum zehnjährigen Vereinsbestehen fällt denn auch nicht allzu optimistisch aus. „Wenn Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammengelegt werden, müssen wir voraussichtlich noch mehr Menschen auf unsere Wartelisten setzen“, erklärt Kiethe.

Doch es gibt auch Grund zur Freude: Namhafte Sponsoren unterstützen die Tafel mit Spenden (siehe oben). Und immer mehr Freiwillige melden sich bei dem Verein, die sich unbezahlt für den guten Zweck engagieren wollen. Über ihre eigenen Pläne sagt Hannelore Kiethe: „Ich möchte das machen, so lange es geht. Es tut gut, ein so sinnvolles Projekt wachsen zu sehen.“

 

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