Pressespiegel April 2004
Bild München
Die Schlange der Not
Von Florian Steuer. BildMünchen
München – Im Hof der Lutherischen Dankeskirche in München warten 130 Menschen auf kostenlose Lebensmittel. Man sieht ihnen nicht an, dass sie arm sind. Doch sie alle haben eines gemeinsam: Sie leben unter der Armutsgrenze. Wie rund 6 Millionen weitere Deutsche. An den Ständen der „Münchner Tafel“ wird bedürftigen Menschen geholfen. Die Eier, das Brot, die Milch – es sind Spenden für Deutsche, die weniger als 600 Euro im Monat Einkommen haben. BILD sprach mit den Bedürftigen...
tz
Die Schlange der Not
Hier stehen immer mehr Senioren an
Von Claudia Detzsch. tz München
Wovon sollen wir bitte noch leben? Diese Frage stellt nicht nur Rentner Franz H. (69), der durch Gesundheitsreform und weitere Reförmchen 900 Euro zusätzlich pro Jahr berappen muss (tz berichtete). Die Lage ist für viele andere Senioren noch weitaus dramatischer. Auch in unserer schönen, reichen Millionenstadt. Immer mehr Rentner stehen verschämt für kostenloses Gemüse, Brot, Käse, Margarine, Eier und Nudeln an. Immer mehr Münchner hungern!
"Die Zahl der Bedürftigen steigt seit gut einem Jahr dramatisch und rapide an", erklärt Hannelore Kiethe, Vorsitzende der Hilfsorganisation "Münchner Tafel".
Die Mitarbeiter des Vereins versorgen in demnächst
18 Verteilstationen im Stadtgebiet Frauen und Männer, Rentner, Kinder, Mütter, Obdachlose und einstige Besserverdiener mit Essen.
Sie geben 10.000 (!) Münchnern pro Woche das Lebensnotwendigste - Tendenz steigend. Weitere Bedürftige stehen bereits auf Wartelisten. Hohe Mieten, persönliche Schicksalsschläge, die Wirtschaftskrise und die Rotstift-Politik bringen immer mehr Menschen in Not.
"Besonders bitter ist die Situation für viele Senioren", sagt Hannelore Kiethe. Sie weiß von älteren Münchnern, die sich schämen, beim Sozialamt um Hilfe zu bitten - und scheu die Lebensmittel der Münchner Tafel annehmen. Von Rentner, "bei denen die Miete fast alles auffrisst". Von Witwen, "die mit 20 bis 30 Euro und weniger in der Woche leben müssen". "Auffallend ist, dass auch immer mehr alleinerziehende Mütter zu uns kommen." Es sind Mütter, die keine bezahlbare Kinderbetreuung bekommen, somit nicht arbeiten können und immer tiefer in die Armut rutschen. Ohne Unterhalt von den Vätern, ohne Chance. Besonders großes Kopfzerbrechen bereitet den Helfern auch die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe ab 2005. Dann erwartet Hannelore Kiethe einen weiteren Ansturm von Bedürftigen. "Ich weiß noch nicht, wie wir diesen bewältigen sollen. Ich weiß nur: Wir werden unser Menschenmöglichstes tun..."